Nach der WM ist vor der WM - Ein Rückblick auf das Sportereignis des Jahres 2009
Das waren sie also, die 12. Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Man kann den Deutschen zu Recht viel vorwerfen, aber nur das nicht: Daß sie keine friedlichen Großveranstaltungen organisieren können. Wie schon beim Sommermärchen 2006 präsentierte sich Berlin als würdiger Gastgeber dieser Titelkämpfe.
Kritik wegen mangelnder Werbung? Schlechter Kartenvorverkauf? Geschenkt, am Ende wird immer alles gut! Daß das Berliner Olympiastadion anfangs nur halbvoll war, tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Und statt der beliebten Fanmeile gab es diesmal am Brandenburger Tor das "Kulturstadion". Die Berliner und ihre Gäste konnten so WM-Luft schnuppern, ohne ins große Stadion zu müssen. Die Stars kamen zu den Menschen, Ehemalige wie Aktuelle. Und wer sich nicht für Sport interessiert, ging einmal um die Bühne herum und konnte künstlerischen Darbietungen folgen.
Auch die Geher- und Marathonwettbewerbe fanden nicht wie bei solchen Sport-Großveranstaltungen üblich unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt, sondern mitten im Herzen der Stadt. Die Athleten schwärmten von der Begeisterung an der Strecke und den vielen Zuschauern. Die Bilder von der Marathonstrecke, entlang den wichtigsten und geschichtsträchtigsten Sehenswürdigkeiten Berlins, gingen um die ganze Welt und vermittelten ein neues Deutschlandbild. Diese Übertragungen waren für Berlin hilfreicher als jede Imagekampagne der Tourismus-Industrie.
Im Stadion wurden Triumphe gefeiert, Rekorde erzielt und neue Stars geboren. Und nach der Olympiapleite in Peking mischten die deutschen Athleten wieder in der Weltspitze mit.
Diskus-Hühne Robert Hartung trat mit unbequemen Wahrheiten vor die Mikrofone und wurde dafür von der Verbandsspitze abgewatscht. Seiner neuen Popularität tat das keinen Abbruch. In bester Türsteher-Manier erklärte er kurzerhand das Olympiastadion zu SEINEM Stadion, das es zu verteidigen gilt. Kein Anderer solle in seinem Stadion gewinnen. Und tatsächlich, mit seinem letzten Wurf holte er das schon verloren geglaubte Gold zurück.
Ebenfalls im Vorfeld hochpuscht wurde das Hochsprung-Duell zwischen der Schönen und dem Biest. Von Zickenkrieg war sogar die Rede. Blanka Vlasic (Kroatien) und Ariane Friedrich (Deutschland) bestimmten tagelang die Zeitungsmeldungen. Weltrekord wurde hochgerechnet, jede für sich wollte Revanche für verlorenen Wettkämpfe. Am Ende ging alles ganz schnell. Friedrich brachte ein ganzes Stadion zum Stillschweigen, Vlasic brauchte die tobende Menge. Und gewann unspektakulär. Die Deutsche gratulierte artig, freute sich kurz über Bronze und machte die nächste Kampfansage.
Keine Kampfansage, dafür Tränen gab es reichlich beim Stahochsprung der Frauen. Die Eine heulte, weil sie ja eigentlich die beste Stabhochspringerin der Welt ist. Doch Jelena Isinbajewa aus Rußland blamierte sich vor der ganzen Welt und wurde im Finale nur Letzte, weil sie keinen gültigen Versuch zustande brachte.
Die Andere heulte, weil sie genau deswegen eine Medaille verpaßte. Silke Spiegelburg aus Leverkusen hätte mit einem Fehlversuch weniger Silber geholt, konnte aber aus Isinbajewas Mißgeschick keinen Nutzen ziehen. Als sie das realisierte, brachen bei ihr alle Dämme. Minutenlang saß Silke Spiegelburg auf der Anlaufbahn, konnte und wollte sich nicht beruhigen und kämpfte immer wieder gegen die Tränen. Genau wie die Siegerin aus Polen, Anna Rogowska. Als alle Kampfrichter schon die Wettkampfstätte verlassen hatten, saß sie immer noch gedankenverloren auf einer Bank und konnte ihr Glück nicht fassen.
Glück brauchte der schnellste Mann der Welt nicht. Usain "Witz"-Bolt war der große Themenmacher der WM. Über 100 m setzte er alle Naturgesetze außer Kraft und gewann mit angezogener Handbremse in Weltrekordzeit: 9,58 Sekunden leuchteten auf der Anzeigetafel. Im Wissen um seine Dominanz spielte er über die doppelte Distanz mit seinen Gegnern, was bei diesen überhaupt nicht gut ankam. Das Publikum liebte dagegen seine Mätzchen vor der Kamera. Ach ja, überflüssig zu erwähnen, daß er im 200m-Finale wieder Weltrekord lief.
Aber Usain Bolt war nicht der einzige Superstar dieser WM. Ein anderes, bis dahin völlig unbekanntes Wesen, eroberte die Herzen der Menschen. "Berlino", das Maskottchen, wurde zum Publikumsliebling. Der tapsige Bär war meist der erste Gratulant der Sieger, tröstete Verlierer und machte das, was ein Maskottchen tun muß: Stimmung anheizen. Er riß Weltmeisterin Steffi Nerius beim Jubeln um und rannte mit 400m Hürden-Weltmeisterin Melaine Walker auf dem Rücken im Überschwang der Gefühle völlig blind gegen einen Gerätewagen. Walker war es egal wie alle anderen Athleten auch, die sich mit dem Bären zum Affen machten. Berlino war einer von ihnen! Im Übrigen war "Berlino" das sympathischste Maskottchen seit Jahren. Bolt und Berlino wurden sogar richtig dicke Kumpel, wie man an den Fernsehbildern sehen konnte. "Ich bin ein Berlino" stand bei Bolt auf dem T-Shirt. "Ich bin ein Bolt" stand am nächsten Tag auf Berlinos Hemdchen. Auch wegen dieser kleinen Geschichten am Rande bleiben die Weltmeisterschaften von Berlin im Gedächtnis.
Deutschland hat sich einmal mehr als guter Gastgeber gezeigt. Nach der "Welt zu Gast bei Freunden" 2006 hatten die Sportfans diesmal "eine gute Zeit". Und nicht mehr lange, und die Welt schaut wieder auf Deutschland. 2011 findet in Deutschland die Fußball-WM der Frauen statt. Man kann den Deutschen viel vorwerfen, aber nicht, daß sie 2011 nicht wieder gute Gastgeber sein werden.
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