Lausitzer Trümpfe stachen
Anläßlich des 100. Jahrestages der Gründung vom RK Endspurt 09 Cottbus vergab der Bund Deutscher Radfahrer die Deutschen Meisterschaften im Straßeneinzelrennen sowie im Einzelzeitfahren an den Jubilar. Damit wurden seit langer Zeit wieder beide Disziplinen am gleichen Ort ausgetragen.
Eine große Ehre, aber auch Herausforderung für die Organisatoren um die Lausitzer Trainerlegende Eberhard Pöschke. Aber man gab sich Mühe, es den Aktiven, Betreuern und Gästen so bequem wie möglich zu machen.
Schon im Vorfeld der Meisterschaften gab es Spekulationen über Favoriten, Taktik und Außenseiterchancen. Die Kurse waren mangels Bergen diesmal wenig selektiv, so daß man bei den Straßenrennen mit einer Sprintentscheidung rechnete. Und auch die Zeitfahrstrecke kam den Spezialisten zu Gute. So deutete alles auf einen Vorteil der großen Rennställe hin, die da Equipe Nürnberger Versicherungen (Frauen) und MILRAM (Männer) heißen. Lediglich das Team Columbia Highroad, daß sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern Starter stellte, galt im Vorfeld als konkurrenzfähig. Den restlichen Fahrern wurden nur Außenseiterchancen bei günstigem Verlauf der Rennen attestiert.
Los ging es also am Freitag (26. Juni 2009) mit dem Einzelzeitfahren der Frauen. Hier erwartete man das 1. Duell im Kampf "Equipe Nürnberger" gegen "Team Columbia Highroad". Lediglich die mehrfache Weltmeisterin Hanka Kupfernagel (linkes Bild) vom Team ITERA - Stevens hätte den beiden anderen Teams die Feier verderben können, doch sie lag schon bei der Wende aussichtslos zurück. Trixi Worrack (rechts) von den "Blauen" (Equipe Nürneberger) gewann am Ende mit 3 Sekunden Vorsprung vor den 2 "Weißen" vom "Columbia"-Team, Judith Arndt und Ina-Yoko Teutenberg. Riesenjubel unter den paar Hundert Zuschauern am Ziel, schließlich gewann mit Trixi Worrack eine Fahrerin, die beim RK Endspurt ihre Karriere begann und in der Lausitz verwurzelt ist. Außerdem fehlte in Trixis Meistertrikot - Sammlung noch das Trikot für den Titel im Zeitfahren.
Luise Keller aus Cottbus, ebenfalls Team Columbia, wurde 10. und Romy Kasper aus Forst (Equipe Nürnberger) wurde 22.
Beim Rennen der Männer Elite-Fahrer durfte sich dann das Team Columbia Highroad über einen Doppelerfolg freuen. Zeitfahr-Weltmeister Bert Grabsch gewann vor der neuen deutschen Nachwuchs-Hoffnung Tony Martin und Routinier Jens Vogt (Team Saxo Bank). Es wurde das erwartete Duell der beiden excellenten Zeitfahrer Grabsch und Martin, daß der Altmeister (noch) für sich entschied.
Stefan Schäfer (LKT/Endspurt) und Roger Kluge (LKT/Endspurt) belegten die Plätze 4 und 7.
Etwas konfus und deshalb auch bemängelt wurde die Streckenführung im Start-Zielbereich. Startende Fahrer kreuzten sich mit ankommenden Fahrern, die Begleitfahrzeuge mußten ebenfalls die Rennpiste kreuzen, um ins Fahrerlager zu gelangen. Was für die Zuschauer sicherlich attraktiv war, weil man jeden Fahrer mehrmals sah, war für die Aktiven gefährlich.
Am Sonntag (28. Juni 2009) sollten die Entscheidungen im Straßeneinzelrennen fallen und wieder lautete die alles bestimmende Frage: Gewinnt Blau oder Weiß? Zumindest bei den Männern ging man von einem deutlichen Sieg der (Hell-)Blauen aus, denn das Milram-Team ging mit der zahlenmäßig stärksten Mannschaft ins Rennen. 16 Fahrer gegen den Rest. Aber 240 km sind ein weiter Weg. Gefahren wurde auf dem Traditionskurs Cottbus - Görlitz - Cottbus. Damit wurde zum ersten Mal der deutsche Meister im Rahmen einer Fernfahrt und nicht wie sonst üblich auf einem Rundkurs ermittelt.
Für die Frauen waren nur 126 km zu absolvieren. Als Favoritin für den Fall einer Sprintankunft galt Ina-Yoko Teutenberg, die im bisherigen Verlauf der Saison schon 16 Siege einheimste.
Die Strecke führte von Cottbus über Döbern, Bad Muskau nach Weißkeißel und zurück nach Cottbus, wo noch einmal 3 Stadtrunden zu absolvieren waren.
Unterwegs hatte sich eine Spitzengruppe mit Claudia Häusler (Team Cervelo), Franziska Merten (Team Stuttgart), Madeleine Sandig (Equipe Nürnberger) und der Titelverteidigerin Luise Keller vom Columbia-Team gebildet. Kurz vor Cottbus wurde das Quartett wieder eingefangen, so daß das geschlossene Feld von 82 Fahrerinnen auf die letzten Kilometer ging. Immer wieder gab es Versuche, dem Feld zu entwischen, aber die "Blauen" Marlen Jöhrend, Charlotte Becker (beide Equipe Nürnberger) wurden von den "Weißen" Judith Arndt und immer wieder Luise Keller nicht nennenswert weggelassen. So hatte schließlich Ina-Yoko Teutenberg die ideale Sprintsituation und gewann mit deutlichem Vorsprung vor Marlen Jöhrend und Regina Schleicher (beide Equipe Nürnberger). Im Duell Blau gegen Weiß stand es damit 2:1 für Weiß, zählt man das Zeitfahrergebnis mit.
Die Lausitzer Damen konnten in die Entscheidung nicht eingreifen, belegten aber trotzdem vordere Plätze. So kam die Gubenerin Angela Hennig vom Team DSB Bank auf Platz 6 ein.
Im Männerrennen bildete sich nach etwa 20 km eine 20köpfige Spitzengruppe, die rasch einen großen Vorsprung herausfuhr. Nach 2 Stunden Fahrzeit kapitulierte das Hauptfeld und ließ die Spitzengruppe ziehen.
Dominic Klemme startete kurz vor Cottbus einen Ausreißversuch, der zunächst erfolgversprechend schien. Ca. 45 Sekunden nach ihm bog die Verfolgergruppe auf den Stadtring, wo noch 6 Stadtrunden zu absolvieren waren. Nachdem die Spitze die erste Runde hinter sich brachte, kam es zur kuriosen Situation, daß just in diesem Moment das Hauptfeld den Stadtring erreichen würde. Die Jury entschied sich, das Hauptfeld aus dem Rennen zu nehmen, um den Spitzenreitern faire Bedingungen zu gewährleisten und einen Zusammenschluß der beiden Felder zu vermeiden.
Aber auch die Verfolgergruppe löste sich langsam auf. Milram und Columbia belauerten sich gegenseitig. So nahm nahm Roger Kluge vom LKT-Team Brandenburg alleine die Verfolgung auf, später folgte auch Martin Reimer (Team Cervelo). Unter den Anfeuerungsrufen der Zuschauer kamen Kluge und Reimer immer näher an den Führenden heran. Eine Runde vor Schluß gelang Reimer der Anschluß an Kluge, gemeinsam jagden beide Dominic Klemme. Die Stimmung kochte über, als ca. 4 km vor dem Ziel der Zusammenschluß erfolgte. Zwei Cottbuser gegen einen Bielefelder im Kampf um die Deutsche Meisterschaft. Und das vor heimischen Publikum!
Martin Reimer gewann schließlich den Spurt vor Dominic Klemme, Roger Kluge hatte nichts mehr zuzusetzen und wurde Dritter. Kurze Zeit später kamen die Verfolger mit Fabian Wegmann, dem Titelverteidiger, ins Ziel. Da lag aber Martin Reimer schon restlos erschöpft, aber überglücklich auf dem Asphalt des Stadtrings. Erster Gratulant war Roger Kluge. Weiß und Blau hatten mit dem Ausgang des Rennens diesmal nichts zu tun.
Auf die Frage eines Journalisten während der anschließenden Pressekonferenz, ob Martin Reimer denn echter Cottbuser sei oder eher ein Pseudo-Cottbuser, der irgendwo in der Schweiz wohnt, antwortetet der neue deutsche Meister, daß er 500 m vom Ziel entfernt seine Wohnung hat und Cottbus wirklich sein Lebensmittelpunkt ist.
Zählt man die Titel zusammen, so haben die "Weißen" vom Team Columbia trotz numerischer Unterlegenheit mit 2 Titeln die zahlenmäßig überlegenen "Blauen" (1 Titel) geschlagen. Die hochfavorisierten (hellblauen) Milram-Fahrer gingen sogar komplett leer aus. Spannend zu sehen war der Kampf der "Radsport-Giganten" in Deutschland allemal.
Für die Ausrichter vom RK Endspurt hätten die drei tollen Tage nicht besser laufen können. Nach dem Sieg von Trixi Worrack am Freitag nun zum Abschluß noch ein Cottbuser Sieg eines ehemaligen Endspurt-Fahrers, dazu weitere gute Platzierungen der einheimischen Athleten. Etwas betrüblich dürfte lediglich die Tatsache sein, daß sich nur wenige Zuschauer in den Start-Ziel-Bereich verirrten. An mangelnder Werbung für das Rennwochenende lag es garantiert nicht.
Die Athleten äußerten sich zufrieden über den Kurs. "Die Strecke war eigentlich super, es war ein superschweres Rennen, da hat der Herr Pöschke eine schöne Runde herausgesucht!", lobte Ina-Yoko Teutenberg die Ausrichter. Lediglich eine ungesicherte Baustelle war etwas heikel, "aber das gibt es in jedem Rennen. Ansonsten war die Strecke frei.", so Teutenberg.
Die Ausrichtung der Deutschen Meisterschaften war der Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des RK Endspurt09 Cottbus. Mit zwei Meister-Titeln für Vereinsmitglieder wurde der Jubilar zudem reichlich beschenkt.
Die Radsportfans in Cottbus und der gesamten Lausitz freuen sich, daß sie an den Geburtstagsfeierlichkeiten teilhaben durften. Bleibt zu wünschen, daß nicht wieder 100 Jahre vergehen, eher die deutsche Elite im Straßenradsport in die Radsporthochburgen der Lausitz zu Meisterschaftsrennen zurückkehrt.

Ergebnisse:

Luise Keller (Columbia Highroad) am Start zum Einzelzeitfahren

Voll konzentriert: Trixi Worrack (Equipe Nürnberger)

“Tunnelblick”: Hanka Kupfernagel

Trixi Worrack nach ihrer Siegerfahrt überglücklich im Zielbereich

Heinrich Haussler (Team Cervelo) im Interview vor dem Start zum Straßenrennen der Elite Männer

Start zum Frauenrennen

Das Rahmenprogramm mit historischen Fahrrädern verkürzte die Wartezeit bis zu den Zieleinläufen

Immer wieder bildeten sich kleine Ausreißergruppen auf dem 3 Stadtrunden

Die drei Erstplatzierten bei den Frauen

Dominic Klemme auf der Flucht vor den Verfolgern
© für alle Fotos: THD, 2009

Dieser Trabi kündigt die Spitzengruppe der Elitefahrer an



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