Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend
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Erstausstrahlung: 28. Juli 2009
Alle Jahre wieder bescheren uns die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten neue Dokumentationen, die sich mit dem Leben in der DDR auseinandersetzen. Meist wird dabei nur das Negative hervorgehoben, daß Positive möchte man am Liebsten ausblenden, damit ja keine neue Ostalgie-Welle ausbricht. Mal werden die längst bekannten historischen Fakten mit Archivbildern aneinandergereit, mal geben mehr oder weniger (Un)-Beteiligte ihren nicht weniger unbeteiligten Kommentar dazu ab.
Nun hat sich also der NDR versucht, mit dem Dok.-Film "Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend" die Geschichte der FDJ, der größten Massenorganisation der untergegangenen DDR, aufzuarbeiten. Lutz Hachmeister, Grimme-Preisträger, und Co-Regisseur Mathias von der Heide gelingt der Spagat, sowohl neue Fakten anzubieten als auch schon Bekanntes neu zu vermitteln. Beide verzichten weitgehend auf die Abarbeitung von Fakten, sondern präsentieren ein buntes Sammelsurium, das über das Thema "FDJ" hinausgeht, ohne jedoch den roten Faden zu verlieren. So erfährt der Zuschauer eben auch etwas zur Pionierorganisation und zur "Gesellschaft für Sport und Technik", die trotz aller militärischen Strukturen auch ein vielfach wahrgenommenes Freizeitangebot den DDR-Jugendlichen offerierte. Auch das Jugendradio DT64 wird im Film thematisiert, genauso wie die nicht gewünschte, aber geduldete Punkmusik der DDR, FDJ-Initiativen, Weltfestspiele, Oktoberklub und das Ende der DDR.
Hachmeister und von der Heide bedienen sich dabei der Hilfe von prominenten Zeitgenossen, die in irgendeiner Weise eigene Erfahrungen mit der FDJ machten und Interna und Anekdoten aus ihrer FDJ-Vergangenheit berichteten. So kommen ehemalige Blauhemden aus Ost und West zu Wort, denn auch im Westen Deutschlands war die FDJ aktiv, bis sie 1951 verboten wurde.
Gerade diese Zeitzeugenberichte machen den Film so sehenswert, weil sich die meisten mit ihrer Vergangenheit humorvoll auseinandersetzen und nicht alles verteufeln. Und dramaturgisch geschickt geplant werden einige Zeitgenossen konkret mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, weil sie nach Jahren wieder an ihre alten Wirkungsstätten zurückkehren. Dagmar Enkelmann, früher Dozentin an der Jugendhochschule "Wilhelm Pieck" und heute für die Linken im Bundestag vertreten, erschrickt regelrecht vor der Kamera, als sie sieht, wie der Zahn der Zeit an der heute leerstehenden ehemaligen Bildungseinrichtung genagt hat. Auch Marion Brasch, ehemals bei DT64 und Tochter eines FDJ-Gründungsmitgliedes, macht die Erfahrung, ihre alte Wirkungsstätte sehen zu müssen.
Jan Carpentier wurde als ELF99-Redakteur berühmt, als er aus der Waldsiedlung Wandlitz berichtete. Seine Kommentare zur FDJ haben größten Unterhaltungswert, weil sie kurz und präzise, aber auch bissig sind. Bereits sein erster Satz ist ein Schlag ins Kontor derer, die meinen, ihre Biografie erst nach dem Ende der DDR beginnen zu müssen.
Carpentiers damalige Kollegin war Anja Kling, die heute zu den profiliertesten deutschen Schauspielerinnen gehört. Auch sie hat noch das gesamte Prozedere als FDJlerin auf Lager, sei es der Ablauf eines Fahnenappells oder der FDJ-Jugendstunde.
Ausführlich beschäftigt sich die Doku mit dem Film "Erscheinen Pflicht", der in der DDR nach seiner Premiere totgeschwiegen wird und eigentlich nie die Aufmerksamkeit erhielt wie andere "Verbotsfilme". Im Film geht es um eine FDJlerin, die nach dem Tod ihres Vaters, der Kreisparteichef war, unangenehme Fragen stellt und sich über die Widersprüche in der Gesellschaft Gedanken macht. Vivian Hanjohr spielte damals die Hauptrolle und erinnert sich an die Dreharbeiten und daran, wie nah der Film wirklich an der Realität war.
Fast wäre Andreas Dresen auch auf der Liste der "Verbotsfilme" gelandet. Dresen ("Sommer vorm Balkon", "Wolke 9") gehört heute zu den erfolgreichsten Regisseuren. Seine Laufbahn begann in der DDR an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam. Sein erster (ironischer) Hochschulfilm über eine "Brigade der Freundschaft" wäre wahrscheinlich auch sein letzter Film gewesen, hätte nicht sein damaliger Rektor Lothar Bisky bei der FDJ-Verbandsspitze interveniert.
Auch Bisky hat eine FDJ-Vergangenheit, genauso wie der ehemalige DDR-Ministerpräsident Hans Modrow. Bisky und Modrow stehen für die frühere FDJ-Generation. Für die jüngere Generation stehen neben den bereits Genannten auch die Punkmusiker Kai-Uwe Kohlschmidt und Chris Hinze von der Band „Sandow" und Christian „Flake" Lorenz von „Feeling B", der heute bei „Rammstein" spielt. Sie waren die Rebellen in der damaligen Zeit, erzählen aber auch von kuriosen Momenten ihrer Musikerkarriere, etwa warum man "Sandow" für die "Toten Hosen" hielt.
Überhaupt kommt das Lustige nicht zu kurz in dem gut 75-minütigen Film. Das liegt aber mehr an den gewählten Einspielfilmen, die manchmal unfreiwillig komisch sind, etwa bei der Aneinanderreihung von Titeln und Bezeichnungen der DDR-Staatsorgane in der "Aktuellen Kamera", die eigentlich nur den Tod Walter Ulbrichts bekanntgeben wollte.
Wohltuend für den gelernten DDR-Bürger ist, daß die FDJ nicht nur verteufelt wird, wie man es bei Dokumentationen dieser Thematik erwarten mußte, sondern es wurden ganz klar sowohl die schönen als auch die unangenehmen Seiten hervorgehoben. Sogar Erich und Margot Honecker, die in der Geschichte der FDJ eine bedeutsame Rolle spielten, kommen in den Kommentaren der Protagonisten gut weg, überraschenderweise kommen diese Respektbekundungen nicht nur von den Politikern der Linken.
Auch sonst vermag man aus den Kommentaren heraushören, daß die Mitgliedschaft in der FDJ zwar nur ein lästiges Übel war, aber eben doch ein sehr prägendes. Viele der Befragten erklären übereinstimmend, daß es eine Schule fürs Leben war. Und "Flake" von "Rammstein" offenbart am Ende des Filmes sogar noch ein Geheimnis, daß man ihm so nicht zugetraut hat.
"Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend" ist ein unterhaltsamer Dokumentarfilm über eine Organisation, die Kaderschmiede war und gleichzeitig Sammelbecken für die Jugend der DDR. Eine Organisation, der man sich kaum entziehen konnte. Blaues Hemd und aufgehende Sonne waren die Symbole einer Organisation, die mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit untergegangen ist.
Lutz Hachmeister und Mathias von der Heide gebührt Dank und Respekt für eine filmische Aufarbeitung der Geschichte der Freien Deutschen Jugend, ohne den Ostalgie-Faktor ins Spiel zu bringen oder den Zuschauer zu bevormunden, wie man mit der FDJ umzugehen hat. Man darf sich erinnern, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Und gerade deshalb hofft der Zuschauer, daß sich die beiden Regisseure alle Jahre wieder fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen mit dem Leben in der DDR auseinandersetzen.
Freundschaft!

Lutz Hachmeister, Regisseur von “Freundschaft! Die Freie deutsche Jugend”
Bild: NDR/Jim Rakete

Interviewpartnerin Dagmar Enkelmann, Ex-Dozentin an der FDJ-Hochschule “Wilhelm Pieck”.
Bild: NDR/HMR Produktion GmbH

Interviewpartnerin Anja Kling (Schauspielerin)
Bild: NDR/HMR Produktion GmbH
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Interviewpartner Andreas Dresen (Regisseur)
Bild: NDR/HMR Produktion GmbH
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Interviewpartner Christian “Flake” Lorenz (Rammstein)
Bild: NDR/HMR Produktion GmbH
Filmkritik-Veröffentlichung:
03.08.2009
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